Copyright 2016
Dr. Dr. med. M. Jenny

Dr. med. Dr. P. M. Jenny   Homöopathie  |  06123 - 63 61 9

Korbblütler und Verletzung

Familie

Die Mittelgruppe der Asteracea, auch Korbblütler, Compositae, Gänseblümchen oder Sonnenblumen-Familie genannt ist mit den Orchideen die mitgliederstärkste aller Pflanzenfamilien. Natürlich auch schon deshalb gibt es sehr unterschiedliche und vielfältige Menschen-Typen, die ein Mittel aus dieser Familie benötigen. Sehr vielen gemeinsam ist aber die Empfindlichkeit auf eine stattgehabte oder als angedroht bzw. bevorstehend empfundene Gewalt. Die wesentlichen Unterschiede liegen wiederum in der Reaktion darauf bzw. wie das Erlebte verarbeitet wird. Damit wollen wir uns diesmal beschäftigen. Viele der genannten Gedanken und Herleitungen beruhen auf den Erfahrungen und Lehren aus meiner Zeit in der Praxis von Dr. Vijayakar in Mumbai.

 

Asteracea poster

Auf dem Bild (1) sind die typischen Blütenformen anhand von 12 Beispielen dargestellt. Besonders sehen wir die beiden repräsentativsten Subfamilien Asteroideae and Cichorioideae:

(1) Yellow Chamomille - Anthemis tinctoria (Asteroideae)

(2) Crown Daisy - Glebionis coronarium (Asteroideae)

(3) Coleostephus myconis (Asteroideae)

(4) Chrysanthemum - Glebionis sp. (Asteroideae)

(5) Sow Thistle - Sonchus oleraceus (Cichoireideae)

(6) Chicory - Cichorium intybus (Cichoireideae)

(7) Treasure Flower - Gazania rigens (Cichoireideae)

(8) Mexican Sunflower - Tithonia rotundifolia (Asteroideae)

(9) Field Marigold - Calendula arvensis (Asteroideae)

(10) Ox-eye daisy – Leucanthemum vulgare (Asteroideae)

(11) Common Hawkweed - Hieracium lachenalii (Cichoireideae)

(12) Cape Daisy - Osteospermum ecklonis (Asteroideae)

 (1) February 2008 Alvesgaspar, Dori (8), Tony Wills (10) under the terms of the GNU Free Documentation License

 

Verletzungen: Arn und Calen

(s. auch Mittel des Monats Juni 2016)

Die Folgen von stattgehabter Gewalt finden wir z.B. bei den 'großen Verletzungsmitteln', insbesondere Arnica montana, Calendula officinalis und Bellis perennis, das im Januar 2017 besprochen werden wird.

Arnica ist dabei das wohl weltweit am häufigsten unnötig verordnete Mittel, da es in Kreisen junger Mütter und auch sonst Mode ist, sobald ein Kind auf die Knie gefallen ist, nach Arnica zu rufen und es sogleich zu verordnen. Tatsächlich wirkt es hierbei auch prompt, da es fast ein Spezifikum bei oberflächlichen Verletzungen und Blutergüssen zu sein scheint. Der Nachteil ist nur, dass man bei einer Gabe auch die übrigen 'Informationen' des Mittels auf die Person überträgt. Die Tatsache eines schnelleren Verschwindens eines 'blauen Flecks' rechtfertigt in meinen Augen keineswegs diese zwingend erfolgende Einflußnahme bzw. Störung der Lebenskraft. Das bedeutet natürlich nicht, dass eine Person, oder ein Kind, alle diese hier erwähnten Symptome (und die anderen ca. 6500 des Repertoriums) entwickelt, wohl aber besteht die Möglichkeit, den 'Stempel' eines Mittels einem Individuum aufzudrücken. Die Gefahr besteht v.a. bei häufigen Gaben, d.h. mehr als 2x im Jahr oder öfter.

Hier wollen wir uns aber dem Charakter eines  Arnica-Patienten nähern, wie man ihn sich anhand von Repertoriumsrubriken erarbeiten kann.

Er ist allgemein empfindlich gegen auf ihn einströmende Eindrücke (s. auch Cina maritima und Matricaria chamomilla, die beide eher hysterisch überreagerieren), wobei er vor sich und der Welt immer das Bild eines starken und unabhängigen Menschen aufrecht erhalten möchte:

  • Gemüt; REIZBARKEIT, Gereiztheit; allgemein; schickt; Arzt heim, sagt, er sei nicht krank (3): apis, Arn, Cham 
  • Gemüt; ABNEIGUNG gegen; Annäherung (16): arn, aur, brass-o, bry, caj, canth, cina, hell, helon, hipp, iod, kola, lil-t, lyc, sanic, sulph
  • Gemüt; MITGEFÜHL; Abneigung gegen (6): arn, carb-ac, cham, musa, sabal, sep

Dabei wünscht sich Arnica nichts mehr als ein weiches Bett und hat immer den Eindruck, alles sei zu hart:

  • Allgemeines; HART; Bett, Empfindung als sei das (59): Arn, … Bap ... Pyrog, ... Ruta, ... Sil, ...

Analog finden wir dies auch im finanziellen Bereich, wo sich das Mittel eine 'gute Auspolsterung' wünscht und Beschwerden entsprechend eintreten, wenn es hier zu Verlusten kommt:

  • Gemüt; KUMMER, Trauer; allgemein; finanziellen Verlust, durch (3): arn, aur, mangi
  • Gemüt; BESCHWERDEN durch; finanziellen Verlust (15): arn, ars, aur, calc, corv-c, ign, mangi, mez, nat-m, nux-v, puls, rhus-t, sars, stann, verat
  • Gemüt; TRAURIGKEIT, Trübsinn, Niedergeschlagenheit, Depression, Melancholie; Verlust, nach; finaziellem (5): arn, ars, aur, mez, psor

Interessanterweise taucht das Mittel aber auch in den Rubriken:

  • Gemüt; WICHTIGTUEREI, hochtrabendes Verhalten (16): alco, arn, bell, calc, cann-i, cupr, ferr, ferr-ma, glon, hyos, lyc, phos, Plat, stram, sulph, verat 
  • Gemüt; GESCHWÄTZIGKEIT, Redseligkeit; Reden, Ansprachen, hält (7): arn, camph, cham, ign, lach, lachn, lyss
  • Gemüt; ANMAßEND, Vermessen (5): arn, calc, lyc, plat, staph

sowie und 1-wertig unter Hochmut und hier auf:

  • Gemüt; SELBSTÜBERHEBUNG, Anmaßung; allgemein (33): act-sp, agar, alco, anac, anan, androc, arn, aur, bar-s, bufo, calc, cic, cimic, croto-t, cur, hydrog, lach, lap-gr-m, lap-mar-c, lyc, mant-r, med, merc, nux-v, pall, par, phos, Plat, sil, staph, stram, sulph, verat 

Zusammenfassend ist das Bild also eher das eines finanziell anspruchsvollen bis habgierigen Menschen, dem ein monetärer Verlust (körperliche) Symptome bereitet und der in der sykotischen Phase über ein durchaus übersteigert zu nennendes Selbstbild verfügt.

Dieses übersteigerte Selbstbild von Arnica spiegelt sich auch weiterhin in der Rubrik:

  • Gemüt; HÄNSELN (7): aran-ix, arn, caust, ephe, graph, nux-v, tub

Man muss die Symptome immer versuchen in der Zusammenschau zu betrachten, hier wird z.B. klar, dass wir es bei Arnica mit einem tendenziell hochmütigen und gierigen Menschen zu tun haben, wie aus dem zuvor Gesagten hervorgeht. Die anderen Mittel in dieser Rubrik haben jeweils ihre eigene Geschichte.

Vorausgreifend auf die beiden unruhigen, schlechtlaunigen und von wechselnden Wünschen und Verlangen geprägten Mittel Chamomilla und Cina, findet sich aber auch Arnica in den beiden Kardinalrubriken dieser Mittel:

  • Gemüt; VERLANGEN, Wünsche, Begehren, Drang, Trieb, Bedürfnis; da sind, Dinge, die nicht; weist sie zurück, wenn sie angeboten werden, Spielzeug usw (11): all-s, arn, ars, bry, Cham, cina, dulc, hep, kreos, puls, staph
  • Gemüt; VERLANGEN, Wünsche, Begehren, Drang, Trieb, Bedürfnis; ungeduldig nach vielen Dingen, mag sein Lieblingsspielzeug nicht, Kind (8): arn, Cham, cina, dulc, kreos, puls, Rheum, staph

Im Gegensatz zu Arnica finden wir bei Calendula officinalis, der Ringelblume eher eine Affinität zu offenen Wunden. Seine (Verletzungs-)Angst (bzw. Wahnidee) ist die Furcht zu Fallen:

  • Gemüt; FURCHT; allgemein; fallen, zu; Einschlafen, beim (2): calen, coff
  • Gemüt; WAHNIDEE, Einbildung; Fallen; er sei im Begriff zu; Höhe, aus der (2): calen, mosch

Zu diesem Mittel ist mir leider auch kein umfassenderes Bild bekannt, auch nicht aus der Literatur.

Reizbarkeit: Cham & Cina

Eine zweite Gruppe unter den Korbblütlern sind diejenigen, die mit ihrer großer Unzufriedenheit und Reizbarkeit sozusagen präventiv auf eine möglicherweise antizipierte Verletzung reagieren. Im engeren Sinne sind dies Chamomilla (Kamille) und Cina officinalis (Artemisia maritima, Wurmsamen), die es schon nicht mögen, wenn sie nur angesehen werden. Dabei kann man ein solches 'Angesehen werden' natürlich durchaus als potentielle Bedrohung und damit Verletzung verstehen. Als Beispiel stelle man sich nur vor, abends alleine auf der Straße zu sein und plötzlich ein Augenpaar zu wahrzunehmen. Dies beinhaltet an sich schon etwas Bedrohliches. Darauf reagieren beide Mittel deutlich und recht unleidig.

  • Gemüt; ANGESEHEN werden; kann nicht ertragen (28): ambr, ant-c, ant-t, Ars, bamb-a, bar-s, calc, cham, chin, cina, cupr, gels, hell, iod, kali-br, mag-c, merc, nat-m, nux-v, puls, rhus-t, sanic, sil, stram, sulph, tarent, thuj, tub 

Die Reaktion der beiden Mittel darauf recht unwirsch:

  • Gemüt; REDEN, redet; allgemein; schroff, kurz angebunden; schnippisch, bissig (1): Cham 
  • Gemüt; ANTWORTEN; angemessen, kann nicht (1): Cham 
  • Gemüt; WIDERLICHES Verhalten (5): bry, bufo, cham, cina, nux-v 

Beide Mittel werden bei unleidigen und ruhelosen Kindern verwendet, allerdings möchte Cina lt. Dr. Vijayakar beim Herumtragen stark bewegt werden und Chamomilla eher ruhig.

  • Gemüt; GETRAGEN; Verlangen, zu werden (41): acet-ac, acon, ant-c, ant-t, ars, aspar, bamb-a, bell, benz-ac, bor, brom, Bry, calc, carb-v, CHAM, chel, cina, coff, coloc, cupr, ign, ip, jal, kali-c, kreos, lob, lyc, merc, oci, podo, puls, rheum, rhus-t, sac-alb, sanic, stann, staph, stram, sulph, vac, verat 

Wo man die beiden Mittel ganz gut unterscheiden kann, ist die Eigenschaft von Cina immer weiter zu machen, im übertragenen Sinne zu 'bohren'. Bekannt ist das Symptom:

  • Nase; ZUPFEN an der Nase; allgemein; blutet, bis sie (7): Arum-t, Cina, con, lach, phos, sil, spig

und die Neigung zu Wurmbefall, ein Symptome das schon in der Phytotherapie bekannt war und der Pflanze ihren deutschen Namen Wurmsamen gegeben hat.

Weitere bekannte Syomtome, die beiden Mitteln zu eigen sind ist ihre Eigensinnigkeit und Selbstbezogenheit:

  • Gemüt; UNTERBRECHUNG; Abneigung gegen (8): bar-c, calc-p, cham, cina, nat-m, sanic, sil, sulph
  • Gemüt; VERLANGEN, Wünsche, Begehren, Drang, Trieb, Bedürfnis; zahlreiche, verschiedene Dinge; abgelehnt, wenn sie angeboten werden (17): ant-t, bry, caps, cham, cina, dulc, ferr, hep, ip, kreos, mang, phos, phys, puls, rheum, sec, staph 
  • Gemüt; VERLANGEN, Wünsche, Begehren, Drang, Trieb, Bedürfnis; da sind, Dinge, die nicht; weist sie zurück, wenn sie angeboten werden, Spielzeug usw (11): all-s, arn, ars, bry, Cham, cina, dulc, hep, kreos, puls, staph
  • Gemüt; VERLANGEN, Wünsche, Begehren, Drang, Trieb, Bedürfnis; ungeduldig nach vielen Dingen, mag sein Lieblingsspielzeug nicht, Kind (8): arn, Cham, cina, dulc, kreos, puls, Rheum, staph

Gefühl als ob: Eupatorium

Ein weiteres Mittel aus derselben Familie mit einem Verletzungsbezug ist Eupatorium perfoliatum, das Kunigundenkraut. Es wird traditionell bei Grippe, bzw. bei grippalen Infekten eingesetzt, bei denen die Gliederschmerzen im Zentrum stehen. Wir finden also ein 'Verletzungssymptom' ohne eigentliche Verletzung. Das Schlüsselsymptom ist: Zerschlagenheitsgefühl in den Knochen, 'als sei er sehr weit marschiert'. Die zugehörige Rubrik heißt:

  • Allgemeines; SCHMERZEN; Brechen, wie gebrochen; Knochen (59): Bell, ... Cocc, ... Eup-per, ... Ign, ... Phos, ...

und schon in der Materia Medica von W. Boericke (1) heißt es: 'Bekannt als "Knochenrenker" wegen der prompten Erleichterung für Glieder- u. Muskelschmerzen bei einigen fieberhaften Erkrankungen wie Malaria u. Influenza.'

  • Gliederschmerzen; WUND, geprellt, zerschlagen; Untere Gliedmaßen; Aufstehen zum Gehen, beim (2): cycl, eup-per 

 Im Gegensatz zu Arnica, wird die Zerschlagenheit nicht an der Oberfläche, sondern tief drinnen empfunden. Es ist durstig auf (eis)kalte Getränke, kaltblütig und eher träge und dumpf. Hier steht es  im Gegensatz zu Eupatorium aromaticum, seinem ersten Schwestermittel. Dieses hat sehr viel mehr nervale Aktivität, Hysterie und gilt deshalb als Nerventonikum. Bei Boericke (1) lesen wir:

'Nervöser Erethismus; Ruhelosigkeit u. krankhafte Wachheit.'

  • GEMÜT; WACHSAMKEIT (7): ars, calc-p, eup-a, ferr-p, phos, stram, sulph
  • Allgemeines; ZITTERN; allgemein; Muskeln (9): ars-i, caj, cimic, cypr, eup-a, iber, lat-m, naja, sol-n
  • Gemüt; SCHNELLES Handeln (19): adam, androc, bell-p, bros-g, choc, coff, eup-a, germ, haliae-lc, hydrog, ign, lac-h, lac-lox-a, lac-lup, lach, lar-ar, lyss, op, tung

Das zweite Schwestermittel, Eupatorium purpureum, besitzt wieder die 'Wahnidee zu fallen', die wir bei Calendula bereits gesehen haben; ein Vorgang der unschwer mit einer Verletzung zu assoziieren ist:

  • Gemüt; WAHNIDEE, Einbildung; schwer, hält sich für; fallen, und meint zu (1): eup-pur

Außerdem ist es ein großes Mittel, das aufgrund von Heimweh wirklich krank wird:

  • Gemüt; BESCHWERDEN durch; Heimweh (9): caps, carc, clem, eup-pur, hell, ign, mag-m, Ph-ac, senec
(1) William Boericke Arzneimittellehre, aus MacRepertory Pro für Windows 6.1.7

Überempfindlichkeit

Bei Taraxacum officinale, dem Löwenzahn, finden wir nur mehr eine starke Überempfindlichkeit des Gehörs:

  • Hören; ÜBEREMPFINDLICH, scharf; Geräusche, empfindlich gegen; Rascheln von Papier (10): asar, bor, calad, ferr, lyc, nat-c, nat-s, tarax, ther, zinc

Dies alles bei einem eher trägen und apathischen Wesen des Löwenzahns.

Auch Achillea millefolium, die Schafgarbe, fällt in die Pflanzenfamilie der Asteraceae und ist ein bekanntes Mittel bei blutigem Hustenauswurf, Nasenbluten und Sehnenverletzungen durch Überbelastung. Dabei fügt es sich die Verletzung teilweise selbst zu, findet es sich doch prominent in der Rubrik:

  • Gemüt; SCHLAGEN; allgemein; schlägt mit dem Kopf gegen die Wand (15): apis, ars, bac, Bell, con, cupr-acet, hyos, mag-c, Mill, ozone, phos, rhus-t, scut, syph, Tub 

Gleichzeitig tut es jedoch so, als sei nichts und behauptet, gesund zu sein. Dies könnte man analog zu Arn, Cham, Cina dahingehend interpretieren, dass sie Angst vor der Einflußnahme einer Therapie auf sich selbst haben:

  • Gemüt; GESUND; behauptet, trotz schwerer Krankheit gesund zu sein (21): androc, apis, ARN, ars, atro, bac, bell, cann-s, cinnb, coff, hyos, iod, kreos, loxo-r, merc, mill, op, plb, puls, stram, valer